Kunst und Wissenschaft – auf den ersten Blick scheint beides, abgesehen von kunsthistorischen, bzw. kunstwissenschaftlichen Aspekten, für die meisten Menschen nicht viel miteinander zu tun zu haben. Doch das ist ein Irrtum. Schon frühe kunsthistorische Dokumente belegen das Gegenteil. Dabei denke ich nicht einmal an die ‚profane‘ Tatsache, dass sich Naturforscher gerne der handwerklichen Fähigkeiten eines Künstlers bedienten, um ihre Forschungsergebnisse illustrieren zu lassen...
Dass Kunst in ihren Anfängen nichts anderes war, als dekoratives Handwerk, macht ihre historische Entwicklung umso spannender. Das Faszinierendste an einer kunsthistorischen Betrachtung ist für mich, darin eine beeindruckende Form der Dokumentation dieser Welt und ihrer Geschichte zu entdecken. Nichts Anderes spiegelt so sehr und ehrlich die menschliche Entwicklung wieder, wie Kunst. Nichts zeigt uns 'Faun & Flora' auf so schöne Art und Weise. Besonders in den frühgeschichtlichen Dokumenten ist eine ehrfürchtige Liebe zur Natur deutlich spürbar. Auch von historischen Ereignissen können wir uns Dank vieler erhaltener Kunstwerke 'ein Bild machen'. Ob Höhlenmalerei, Kriegsszenarien, Naturkatastrophen, Portraits oder Krönungen; eindrucksvoll geben sie Zeugnis der Geschichte unserer Welt. Auch die Wissenschaft und deren Entwicklung spiegelt sich in den Arbeiten vieler Künstler wieder.
Das wohl bekannteste Beispiel für die Symbiose zwischen Kunst und Wissenschaft ist Leonardo da Vinci (1452-1519). Der geniale Maler und Bildhauer schuf nicht nur unvergleichliche Kunstwerke, sondern war auch Architekt, Mechaniker und Ingenieur, Anatom und Naturphilosoph. Er betrieb wie kein Anderer hochintelligente, visionäre Wissenschaft, die Erfindungen hervorbrachte, mit denen er seiner Zeit um bis zu 5 Jahrhunderte voraus war. Er selber sah darin die logische Fortsetzung seiner Kunst, die er stets mit der Wissenschaft verbunden sah. Er malte um zu verstehen, und forschte um zu malen. Desweiteren ist natürlich auch Michelangelo (1475-1564) zu nennen. Der außergewöhnliche italienische Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter fällt ebenso wie Albrecht Dürer in die Kategorie der sog. Wissenskünstler. Dürer beeindruckte als Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker seine Zeitgenossen. Oder denken wir an Leon Battista Alberti (1404-1472); der Dramatiker, Musiker, Maler, Mathematiker, Naturwissenschaftler und Kunsttheoretiker nahm mit seinen architekturtheoretischen Schriften nachhaltigen Einfluss auf die italienische und gesamteuropäische Baukunst.
Viele Künstler der Renaissance eigneten sich wissenschaftliche Kenntnisse an, um ihre Werke als intellektuelle Leistung zu definieren, und sich damit von der handwerklichen Einordnung zu distanzieren. Auch die Farbherstellung, bzw. Erfindung
der Ölfarben erforderte einiges an Wissen, und so kann man durchaus
manche Künstler dieser Zeit als Alchemisten bezeichnen. Peter Paul Rubens und seine entsprechenden Schriften sind da nur ein ein Beispiel. Auch die Optik war ein Thema, für das sich Künstler schon früh interessierten. So kursierten die Werke des arabischen Mathematikers und Naturforschers Alhazen (Abu Ali al-Hasan Ibn al-Haitham) unter den Künstlern des Abendlandes, und lieferten ihnen wertvolle Kenntnisse über Licht und Farben. Dieses Wissen ermöglichte ihnen, die perfekte Illusion eines dreidimensionalen Raumes zu erschaffen. Viele Künstler galten als
Experten in Sachen Naturwissenschaften. Aus dem gemeinsamen Bestreben zu
erkennen, 'was die Welt zusammenhält', gingen Kunst und Wissenschaften eine
enge Bindung ein. Sie alle stellten das Renaissanceideal des »homo universalis«, des umfassend gebildeten Menschen dar. Aus der Epoche der Klassik und Romantik sind besonders die Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der auf naturwissenschaftlicher Ebene forschte und publizierte sowie Johann Gottfried von Herder (1744-1803) zu nennen, der Medizin, Theologie und Philosophie studierte. Nicht vergessen sollte man den ebenfalls Universalgelehrten Carl Gustav Carus (1789-1869), der deutsche Arzt war auch Naturphilosoph und Maler.
Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts, bzw. Mitte des 19. Jahrhunderts verfestigte sich die Trennung der Bereiche Kunst und Wissenschaft, und ist seit dem ein umstrittenes Thema. Glücklicherweise hat sich das Blatt wieder gewandelt, man nähert sich einander wieder an. Während Künstler immer häufiger wissenschaftliche Themen und Techniken reflektieren, gewinnt, vor allem für Natur-, bzw. Geisteswissenschaftler, das künstlerische Arbeiten an Bedeutung.
Aus heutiger Zeit ist für mich der spannendste Wissenschaftskünstler Olafur Eliasson; vielleicht, weil er sich mit denselben Themen befasst wie ich. Mit der Verleihung des Goslarer Kaiserringes*, einer der weltweit wichtigsten Preise würdigte man ihn als
Künstler in der Nachfolge da Vincis.
Kunst und Wissenschaft haben sich, trotz Trennung, seit jeher zumindest beeinflusst. Historisch betrachtet kann man feststellen, dass immer einhergehend mit epochalen Erkenntnissen der Wissenschaft, auch die Kunst bedeutende Veränderungen erlebte. Meiner Meinung nach sind die Grenzen beider Bereiche häufig fließend. Nicht selten kann Kunst als Wissenschaft oder Wissenschaft als Kunst angesehen werden. Sind demnach Künstler [auch] Wissenschaftler und Wissenschaftler [auch] Künstler? Ich möchte das bejahen, allerdings nicht pauschalisierend. Zumindest trifft es aber auf Künstler zu, die in ihren Werken nicht nur ein ästhetisches Produkt sehen, sondern einen intellektuellen Hintergrund verfolgen. Kunst ist immer auch Intelligenz, und Intelligenz sucht Wissen.
"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen." EinsteinEinsteins Zitat ist für mich das zutreffendste zum Thema Kunst und Wissenschaft. Ich wundere mich gerne, und empfinde es nicht zuletzt als gewichtigen Anteil meiner Lebensfreude und -qualität. Sich wundern heißt für mich, einen neugierigen Blick auf eine Welt zu haben, deren Teil man ja schließlich ist - wenn auch nur ein winzigst kleiner. Ob als Kind nächtens auf der Fensterbank, den Blick gen Himmel gerichtet, oder heute bei Spaziergängen durch die Natur, der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen, oder ganz alltäglichen Dingen - daran hat sich nichts geändert. Für mich ist der Moment des Wunderns immer eine Art 'mentaler Startschuss'. Das äußert sich darin, alles zu hinterfragen und am liebsten Alles wissen zu wollen, was tägliche Recherchen im Internet und Printmedien zur Folge hat; für mich eine spannende Reise in die Welt des Wissens. Eine Welt, die genauso die Erhabenheit der Natur verdeutlicht, wie sie die geistige, moralische und technische Entwicklung des Menschen widerspiegelt - in jeglicher Hinsicht. Das Besondere an der Beschäftigung mit der Wissenschaft ist für mich u. A. dass es realistische Blicke in die Zukunft zulässt. Wie mag die 'Welt von Morgen' aussehen? Wie in 30, 50, 100 Jahren? Visionäres Denken liebe ich, es ist für mich eine niemals langweilige oder gar endende Angelegenheit. Die Wissenschaft hat sich vielerlei Fragen, Problemen und Herausforderungen zu stellen, die in ganz erheblichem Anteil unser Weltgeschehen, bzw. unser Aller Zukunft und Alltag bestimmen. Daher sollte sie zwar begeistert, aber genauso kritisch betrieben und beobachtet werden.
„Schöpferische
Menschen haben ein unersättliches Bedürfnis nach geistiger Tätigkeit,
denn sie haben Geschmack an den großen Abenteuern des Geistes gefunden.“
Hans Selye (1907-82), östr.-kanad. Biochemiker
Dieses Zitat spricht mir aus der Seele. Meine Arbeit als Künstlerin gibt mir die Möglichkeit den vielen Fragen und Themen, die mich beschäftigen, Raum und Ausdruck zu geben, sie darzustellen, zu verdeutlichen. In der Kunst ist im Gegenteil zur Realität [fast] alles möglich, so dass sie bisweilen sogar Grundlage, bzw. Anstoß wissenschaftlicher Projekte sein kann. Aus meinem leidenschaftlichen Interesse für Wissenschaft speist sich mein künstlerisches Schaffen - und veränderte es. Waren meine Arbeiten zu Beginn eher von weichen Konturen geprägt, durchdringt das Experimentieren mit klaren Formen und Linien sowie Farben meine Bilder immer stärker, je tiefer ich in die Wissenschaften dieser Welt eintauche. Auch Symmetrie und Perspektiven spielen eine immer wichtigere Rolle.
Als Künstlerin und ‚WissensSüchtige‘ bin ich inzwischen ständig auf der Suche nach Interaktionsmöglichkeiten, um über eine 'wissenschaftsfaszinierte' Kunsterschaffung hinaus gehen zu können. Zunächst ist natürlich schon die Verwendung von Soft- und Hardware als Gestaltungsmittel meiner Kunst eine ganz grundlegende Interaktion. Ohne die Errungenschaften in Mathematik und Technik wäre sie schlichtweg gar nicht machbar. Im Prinzip ist die Verwendung elektronischer Medien nichts anders als die Anwendung reinster Mathematik und meine Bilder im Grunde nichts anderes als ein binärer Code.
Bereits in den Jahren ‚vor meiner Kunst‘ befasste ich mich intensiv mit unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen; Philosophie, Architektur, Luft- u. Raumfahrt, Astronomie, Germanistik, Geschichte, Soziologie, Psychologie, Pädagogik u.a. Es gab eigentlich nichts, was mich nicht interessierte. Aber im Laufe der Zeit kristallisierte sich ein besonderer Schwerpunkt heraus; die Neurowissenschaften. In Verbindung mit Kunst entstand immer mehr der Wunsch, darin interdisziplinäre Ressourcen zu erschließen. So entdeckte ich eines Tages die Neuroästhetik, und wusste, das ist es! Kunstschaffen und Kunstbetrachtung auf neurobiologischer Basis bietet mir, wonach ich suchte. Was ich mir bisher dazu an Wissen aneignen konnte, prägt meine Kunst maßgeblich. So definiert sich für mich Op-art über das Thema Wahrnehmung komplett neu. Dass Op-Art auch noch in engem Zusammenhang mit der Computerkunst zu sehen ist, stellt einen weiteren interessanten Aspekt dar.
Meine Tätigkeit als Mitarbeiterin der RWTH Aachen University hat ebenfalls einen nicht unerheblichen Einfluss auf mein künstlerisches Arbeiten. Das Bewusstsein, mich an einem solchen, besonderen Ort ‚pulsierenden Wissens‘ zu befinden, ein Teil dieser angesehenen Universität zu sein, inspiriert mich immer wieder. Mit großem Interesse verfolge ich Forschung und Lehre hiesiger Wissenschaftler. Zu meiner Freude fand im Januar 2010 ein Impuls-Workshop zum Thema Neuroästhetik [im Rahmen der Exzellenzinitiative] unter Leitung von Fr. Prof. Karin Herrmann statt, die so freundlich war, mir ein Exemplar der anschließend veröffentlichten Proceedings zu überlassen. Dafür an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank!
Besonderer Hinweis: Auf der Suche nach konkreten Anknüpfungspunkten zur Wissenschaft möchte ich diese Homepage auch nutzen, um interessierte Forscher verschiedenster Bereiche anzusprechen. Über einen direkten Austausch würde ich mich sehr freuen. Bitte zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren.
* Herbert W. Franke, Dr.: *1927 in Wien, studierte Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie, promovierte in Philosophie. Lehrauftrag f. kybernetische Ästhetik u. Computerkunst an der Univ. München (1973–1998), später für Computergrafik an der Akademie der Bildenden Künste München (1984–1998).
*Ernst Pöppel, Prof. *1940 in Schwessin, Pommern, ist ein deutscher Psychologe.
Literatur- und Linkliste:
- Birgit Fenzel: Wissenschaft aus der Werkstatt . - MaxPlanck Forschung. - H. 2.2012
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Beatrice Wagner: Warum Künstler wie Wissenschaftler ticken. - 03.08.2010, Weltonline
- *Karin Herrmann [Hrsg.]: Neuroästhetik : Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungegebiet ; Beiträge des Impuls-Workshops am 15. u. 16. Januar 2010 in Aachen. - Kassel, 2010. - (Studien des Aachener Kompetenzzentrums für Wissenschaftsgeschichte ; Bd. 10). - ISBN 978-3-89958-996-2
- Leonardo da Vinci: Genialer Geist im falschen Jahrhundert . - Edda Schlager, 27.01.2005, scinexx
- Malend zur Erkenntnis: Aus der Kunst wird Wissenschaft
- Kunst als Wissenschaft - Wissenschaft als Kunst: Start eines Projektes
Phasen - Ein Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft : Ein Projekt in den Jahren 2000 bis 2002
- Kunst, Wissenschaft und Technik. - Claudia Giannetti
- Martin Dresler: Neuroästhetik. Kunst – Gehirn – Wissenschaft. Seemann: Leipzig, 2009. 144 S., 43 farb. u. 41 S/W-Abb. - ISBN 978-3-86502-216-5
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Goslaer Kaiserring: Olafur Eliasson geehrt als Künstler auf denSpuren da Vincis. - Zeit online, 11.01.2013