Science-Art

Neuroästhetik

Neuroästhetik könnte man kurz gefasst als Schulterschluss von Neurobiologie, Ästhetik und Kunst definieren. Neuroästhetik gilt noch immer als junger Zweig der Neurowissenschaften. Dabei liegen ihre Wurzeln schon mehr als 30 Jahre zurück. Es war 1979, als die neue Disziplin von dem deutschen Psychologen und Hirnforscher Professor Ernst Pöppel* durch die Gründung der Studiengruppe „Biological Aspects of Beauty“ ins Leben gerufen wurde. Definiert wurde sie damals als Erforschung von Fähigkeiten im Umfeld von Kunst & Ästhetik sowie der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Wissenschaftlern.

2008 wurde das Londoner Institute of Neuroesthetics gegründet. Begründer ist Semir Zeki, Neurobiologie und seit März 2008 der erste Professor für Neuroästhetik am University College London. Lt. Vilayanur S. Ramachandran* wurde von ihm der Begriff 'Neuroästhetik' erfunden, um „Philosophen und Geisteswissenschaftler zu ärgern“.
Kurze Zeit später, ebenfalls 2008, wurde an der Berliner Charité der gemeinnützige Verein Association of Neuroesthetics - a Platform of Arts and Neuroscience gegründet, Initiator und Ansprechpartner des Vereins ist Alexander Abbushi, Arzt an der "Klinik für Neurochirurgie" am Virchow-Klinikum der Berliner Charité. Ernst Pöppel und Semir Zeki sind Gründungsmitgliedern.
Abbushi definiert ‚Neuroästhetik‘ kurz gefasst wie folgt: "Erforschung der neurologischen Grundlagen von Kreativität, Ästhetik und Kunstwahrnehmung und subjektiven Bewusstseinszuständen wie Liebe, Hass, Schönheit." D.h., sie versucht kreative Prozesse als Ausdruck der Hirnfunktionen zu verstehen und ästhetische Wahrnehmung auf neurobiologische Grundlagen zurückzuführen sowie durch die Betrachtung künstlerischer Arbeiten Erkenntnisse über die Organisation des Gehirns zu gewinnen. Ein wichtiges Ziel ist auch heute noch, die Ergebnisse Künstlern zur Verfügung zu stellen und so beide Seiten zusammenzubringen. Forschungen der Neurobiologie zur Ästhetik erfreuen sich verständlicherweise auch eines großen Interesses mancher Industriezweige, wie Design oder Werbung, die durchaus wirtschaftlichen Nutzen aus diesen wissenschaftlichen Studien ziehen können.

Von der Kunstwelt wird Neuroästhetik zweigeteilt aufgenommen, von einigen Künstlern scharf kritisiert. Offenbar befürchten sie, dass Erkenntnisse der Neurowissenschaft die Kunst end-mystifizieren' könnten, sollten sich Kunstwerke tatsächlich als neurobiologisches Produkt herausstellen. Aber da sagt Alexander Abbushi ganz klar, "es gehe nicht darum die Kunst auf eine Formel zu reduzieren, sondern mehr über sie zu erfahren."
Doch es gibt auch Befürworter, zu denen zähle ich mich ebenfalls, die es spannend und durchaus konstruktiv finden, wissenschaftliche Erkenntnisse der Neurowissenschaft in ihre künstlerische Arbeit einfließen lassen zu können. Zudem steht außer Frage, dass sich einige der ganz großen Künstler bereits, ohne es zu wissen, mit neurobiologischen Aspekten befasst haben. Semir Zeki nennt als ein Beispiel Picasso; der habe mit seinen Überlegungen zu bestimmten Darstellungsmöglichkeiten im Kubismus, eigentlich nichts anderes gemacht, als sich mit dem neurobiologischen Problem der Formenkonstanz zu beschäftigen. Einige Künstler des Abendlandes befassten sich mit den Schriften des arabischen Mathematikers Alhazen zur Optik, Lichtbrechung und -reflexion, wodurch sie Kenntnisse erlangten, die es ihnen ermöglichte die perfekte Illusion eines dreidimensionalen Raumes zu inszenieren.*1

Mir hat die Neurowissenschaft, speziell im Bereich Op-art, bereits spannende Erklärungen liefern können, die ich nicht nur praktisch zu nutzen versuche. Die Aussicht auf mit der Wissenschaft wachsende Möglichkeiten, macht mir als Künstlerin unstillbare Lust auf 'mehr'. Die Schnittstellen beider Bereiche haben mich längst in ihren Bann gezogen. Um über den aktuellen Forschungsstand im Bilde zu sein, recherchiere ich regelmäßig in Fachdatenbanken, Bibliothekskatalogen und Internet.

*Ernst Pöppel: (geb. 1940) Prof. Dr. Phil. Dr. med. habil., Institut für medizinische Psychologie und Vorstandsvorsitzender des Humanwissenschaftlichen Zentrums der Universität München.

*Vilayanur S. Ramachandran: (geb. 1951) Direktor des 'Center for Brain and Cognition' in San Diego und Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of California

"eMotion" Das psychogeografisch kartierte Museum: Ein spannendes Projekt des Instituts für Design- und Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, wurde unter der Leitung des Kulturwissenschaftlers Prof. Dr. Martin Tröndle durchgeführt. Grundlage waren dabei experimentell an Besuchern des Kunstmuseums von Sankt Gallen durchgeführte Messungen. Die freiwilligen Teilnehmer trugen dazu ein Messgerät in Form eines Armbandes, das vielerlei Daten erfasste wie z.B. Gehgeschwindigkeit, Verweildauer, Wegwahl, emotionale und kognitive Reaktionen. Unterstützt wurde die Auswertung dieser Daten durch eine zusätzliche Befragung der Testpersonen. Ziel ist es, die "psychogeografische Wirkung" der Räumlichkeiten und Kunstobjekte auf Besucher zu analysieren. Für mich ist daran besonders interessant, dass hier Interaktion von Wissenschaft & Kunst eine transdisziplinäre Studie ermöglichte. Ergebnisse hier



Hinweis
Institute of neuroesthetics
attached to the Wellcome Laboratory of Neurobiology (Vislab)
(Leiter: Prof. Semir Zeki) - at University College London
Dort werden laufend einige meiner Op-Art-Bilder präsentiert:
enter

Literatur- und Linkliste                                                          

  • Tomohiro Ishizu, Semir Zeki: Toward A Brain-Based Theory of Beauty     PLoS ONE 6(7): e21852                                   doi: 10.1371/journal.pone.0021852
  • Martin Dresler: Neuroästhetik. Kunst – Gehirn – Wissenschaft. - Seemann: Leipzig, 2009.  144 S., 43 farb. u. 41 S/W-Abb. - ISBN 978-3-86502-216-5
  • Sibylle Salewski: Wissenschaft des Schönen : flüchtige Anmut ; Erogene Zonen des Gehörs: Wie Wissenschaftler versuchen, Schönheit zu messen. - Der Tagesspiegel, 14.05.2008                                                  
  • Svenja Flasspöhler: Wie viel Ästhetik braucht der Mensch?
    Monopol, 29.04.2010                                                                                                  
  • *1Vilayanur Ramachandran: Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn. - Rowohlt, 2005. - ISBN: 9783499619878
  • Zeki, Semi: Glanz und Elend des Gehirns : Neurobiologie im Spiegel v., Kunst, Musik u. Literatur / aus d. engl. v. Ulrike Bischoff. - München [u.a.]: Reinhardt, 2009.  -   ISBN 978-3-497-02119-2
  1. Neurobiologie der Schönheit - Handelsblatt: 24.07.2008
  2. Verändert Schönheit unser Gehirn? - FAZ: 02.07.2008
  3. Was Neurobiologen sehen, wenn sie Kunst sehen - FAZ: 13.06.2008
  4. Im Nebelgebiet des Geistes - 05.06.2008
  5. Die Neuroesthetik fragt, was Menschen als schön empfinden - Märkische Allgemeine Zeitung: 22.05.2008
  6. Kunst ist ein Neuronenfeuer - Die Zeit: 15.05.2008
  7. Beim Gründungskongress der Neuroästheten - Der Tagesspiegel: 10.05.2008
  • zahlreiche Volltext-Fachartikel (teilw. in ital. sprache)
  • Literaturverweise auf Special-issues und Bücher
  • "The Journal of Neuroesthetics" (in Kürze)