Dass Kandinsky die abstrakte Bilddarstellung für sich entdeckte, wundert mich nicht. Ich wage die These aufzustellen, dass die Tatsache, dass er Synästhetiker war, zu dieser Entwicklung führte. Synästhesie ist, einfach ausgedrückt, eine Kopplung zweier physischer Wahrnehmungsbereiche, bzw. Sinnesreize in den Verarbeitungszentren des Gehirns. Bei Kandinsky bewirkte diese Kopplung, dass er Farben nicht nur als optische, sondern z. B. auch als akustische Reize wahrnahm. Doch ordnete er Farben darüber hinaus auch Gerüche oder Formen zu. So war Gelb für ihn eine „spitze“ Farbe. Diese andere Art der Wahrnehmung hatte natürlich immensen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung. Die Synästhesie war logischerweise ein untrennbarer Teil davon. So wollte er beispielsweise seine Bilder malen, wie man Musik komponiert und sprach in diesem Zusammenhang auch von 'Farbklängen'. Kandinskys künstlerisches Schaffen musste aus meiner Sicht beinahe ‚zwangsläufig‘ in die abstrakte Bilddarstellung führen, denn schon seine Wahrnehmung war in gewisser Weise abstrakt.
Eine interessante Ansicht zum Thema Abstraktion vertritt der Wissenschaftshistoriker und –publizist Ernst Peter Fischer*. Er sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Entstehung abstrakter Kunst und damaliger Wissenschaft. Er schreibt dazu: "Was die Natur unseren Augen bietet, besteht 'in Wirklichkeit' aus Atomen, und Atome bestehen 'in Wirklichkeit' aus symmetrischen Formen voller Energie. Wenn also ein Maler die Wirklichkeit abbilden will, muss er abstrakt malen ... Es ist ein erstaunlicher u. nach wie vor unverstandener Vorgang, der sich um 1900 in der Kultur Europas vollzieht. Sowohl die Naturwissenschaften als auch die Kunst verlieren ihren Gegenstand, indem sie ihn durchschauen u. hinter diesem Fenster neue Formen finden."*
Für mich als Künstlerin ist die abstrakte Darstellung reizvoller, herausfordernder, und im Ergebnis auch anspruchsvoller, als gegenständliche Kunst. Sie regt die menschliche Fantasie wesentlich stärker an. Ein Bild, das nicht auf den ersten Blick seinen Inhalt preisgibt, beschäftigt den Betrachter auf andere 'Art' und Weise. Ein weiterer Vorteil ist die beinahe grenzenlose Gestaltungsmöglichkeit, die sich frei von jeglichem Realitätsanspruch entfalten kann.
Literatur- u. Linkliste
... ist in Bearbeitung und folgt in wenigen Tagen ausführlicher!