Showdown in Frankfurt

Letzten Freitag war es endlich soweit; der Hauptgrund meiner Reise nach Frankfurt fand am Abend statt. In der Paulskirche wurden zwei renommierte Neurowissenschaftler ausgezeichnet. Die Hertiestiftung vergab die Senior-Forschungsprofessur Neurowissenschaften und verlieh den Eric Kandel Young Neuroscienticts Prize 2013. Im Anschluss wurde zur Podiumsdiskussion ‚Der kreative Mensch: Kunst und Wissenschaft im Gespräch‘ geladen. Die Teilnehmer dieser Gesprächsrunde kann man durchaus hochkarätig nennen: Nobelpreisträger Prof. Dr. Eric Kandel, die Fotokünstlerin und Filmemacherin Herlinde Koelbl sowie der Maler Prof. Dr. Markus Lüpertz. Der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel führte durch den Abend.

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Ab 17.00 Uhr war bereits Einlass; festlich gekleidete Gäste strömten in die historisch bedeutende Paulskirche. Darunter neben den Ehrengästen etliche Honoratioren aus Politik und Wissenschaft. Zu diesem Anlass ebenfalls eine Einladung erhalten zu haben, war mir eine besondere Freude und Ehre. So hatte ich den Abend auch kaum erwarten können. Nun war es endlich soweit; glücklich saß ich im Publikum. Zum Auftakt spielte ein Klarinetten Ensemble das Concerto D-Moll RV 565 von Vivaldi. Ein wunderbarer Beginn, der den feierlichen Anlass gebührend unterstrich. Das Grußwort sprach die Frankfurter Stadträtin Rosemarie Heilig. Sie würdigte u.a. die Bedeutung der Hertiestiftung, die sich „als eine der größten weltanschaulich unabhängigen und unternehmerisch ungebundenen Stiftungen in Deutschland“ der Problematiken unserer Gesellschaft annimmt.

Wie wichtig eine solche Förderung sein kann, zeigte an diesem Abend auf beispielhafte Weise die Verleihung der Hertie-Senior-Forschungsprofessur Neurowissenschaften an Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie an der Philipps-Universität Marburg. Geehrt wird damit das Lebenswerk dieses herausragenden Neurowissenschaftlers und sein Beitrag um die Erforschung der Parkinson-Krankheit. Die Auszeichnung ist mit einer Million Euro dotiert. Eine solche Stiftungsprofessur soll exzellente und langjährige Forschungsleistung älterer Wissenschaftler für die Forschung erhalten und stärken. Dem jeweiligen Inhaber wird damit ermöglicht, die abschließenden Jahre seiner beruflichen Laufbahn konzentriert der Forschung widmen zu können, ohne bürokratische Hürden meistern zu müssen. In den nächsten fünf Jahren wird sich Oertel nun also weiterhin und intensiv mit der Erforschung der Parkinson-Krankheit befassen können. Aufgrund der Zunahme an Erkrankungen ein mehr als wichtiger Beitrag zur Lösung eines drängenden Problems unserer Gesellschaft.

Den Eric Kandel Young Neuroscienticts Prize erhielt in diesem Jahr Frau Prof. Dr. Sonja Hofer. Die Biologin, die erst seit einigen Monaten als Assistenzprofessorin an der Universität Basel tätig ist, wurde für ihre bemerkenswerte Erforschung neuronaler Netzwerke geehrt. Der mit 75.000 € dotierte Preis wurde ihr von Eric Kandel persönlich überreicht. Die Nachwuchswissenschaftlerin erhielt bereits in der Vergangenheit mehrere Auszeichnungen, u. a. die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft sowie den Wellcome Beit Prize des Wellcome Trust.

Die gehaltenen Reden der jeweiligen Laudatoren, und auch der ausgezeichneten Wissenschaftler selber, haben mir sehr gut gefallen. Auf anschauliche Art und Weise gaben sie Einblick in die jeweiligen Forschungsfelder. Doch nicht nur die intellektuellen Leistungen standen im Vordergrund; auch die Menschen ‚hinter den Preisen‘ wurden vorgestellt. Dass dies immer wieder auf unerwartet humorvolle Weise geschah, sorgte für einiges Gelächter im Saal. So verlief der erste Teil des Abends informativ und unterhaltsam. Doch der Höhepunkt des Abends war für mich natürlich die anschließende Podiumsdiskussion.

Die Gesprächsrunde „Der kreative Mensch: Kunst und Wissenschaft im Gespräch“ war für mich mit vielen Erwartungen verknüpft, da sie thematisch genau meine eigene künstlerische Arbeit betraf.  Die Meinung so berufener Persönlichkeiten dazu interessierte mich brennend. Scobel sprach zunächst ganz allgemein über Kreativität und wollte wissen, wo und ob überhaupt Unterschiede in Kunst und Wissenschaft zu sehen seien. Lüpertz kam als erster zu Wort. Sein Standpunkt wurde schnell klar; von Wissenschaft im Bezug auf Kunst hält er überhaupt nichts. Dass sich Neurowissenschaftler damit befassen, kritisierte er scharf. Er begründete seine Ablehnung damit, Kunst (vor allem seine eigene!) nicht als neurobiologisches Produkt sehen zu wollen. Er fürchte die End-Mystifizierung künstlerischer Genialität. Da war mir klar, dass er sich offensichtlich nie mit Neuroästhetik befasst haben kann. Seiner Meinung nach ’sei es die Aufgabe eines Künstlers, mit seinen Werken Mysterien zu schaffen. Wissenschaftler hingegen hätten das Ziel, Realität erforschen und darstellen zu wollen‘. Koelbl sieht das anders. Sie sagte, dass man das ’nicht so verallgemeinern könne, und es durchaus Künstler gäbe, die wie ein Wissenschaftler auf der Suche nach der Wahrheit seien, um diese in ihren Arbeiten darzustellen‘. Sie sieht durchaus Parallelen in Kunst und Wissenschaft. Doch Lüpertz blieb bei seinem Standpunkt. Das machte mich als Künstlerin mit Schnittpunkt Wissenschaft ziemlich wütend. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte.

Umso erhebender war dann der Moment, in dem sich Kandel in die Diskussion einbrachte. Er widersprach Lüpertz ganz entschieden. Seiner Erfahrung nach seien Künstler genau so auf der Suche nach der Wahrheit wie ein Forscher. Er sprach mir aus der Seele. Kandel wies u.a. darauf hin, dass so mancher Künstler aufgrund genau dieser Vorgehensweise sogar schon wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegen konnte. Lüpertz beharrte zum Unverständnis des Publikums jedoch stur auf seinem Standpunkt. Als Kandel ihm anbot, sich wenigstens darauf zu einigen, dass es Künstler beider Kategorien gäbe, wollte er auch davon nichts wissen. Noch einmal betonte er alle Künstler dächten so wie er. Kein Künstler habe wirkliches Interesse an Wissenschaft,. bzw. daran, wie ein Forscher vorzugehen. Wenn doch, wäre eine solche Kunst keine Kunst mehr. Potzblitz, nun fühlte ich mich aber persönlich angegriffen. Kandel versuchte noch einmal seine wirklich nachvollziehbaren Argumente darzulegen, doch ohne Erfolg. Was ihn schließlich zum Vergnügen Aller zu der Bemerkung veranlasste, Lüpertz rede ‚Nonsens‘. Das Publikum goutierte dies mit Applaus und Gelächter, was wiederum Lüpertz so gar nicht gefiel. Er regte sich darüber auf, dass ein Wissenschaftler, ihm dem Künstler, tatsächlich erklären wolle, wie ein Künstler ticke. Das wäre unfassbar, und wie Kandel dazu käme. ‚Weil ich genug Künstler kenne‘, war dessen gelassene und amüsierte Antwort. Und Unkenntnis der Materie kann man Kandel wohl erwiesenermaßen nicht unterstellen. Mit seinem aktuellen Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute“ tritt er eindeutig den Gegenbeweis an. Denn darin erkundet der Nobelpreisträger die Beziehung von Wissenschaft und Kunst. Ich habe diese Buch mit großem Interesse gelesen.

Die Diskussion setzte sich bis zum Ende strittig fort. Auch Herlinde Koelbl, die zum Beweis ihre eigenen Kunstprojekte anführte, konnte Lüpertz nicht umstimmen. Er wirkte zum Unmut der anwesenden Veranstaltungsgäste zunehmend arrogant und eitel in seiner Argumentation. Während Kandel eindeutig die Sympathien und Zustimmung der Zuhörer für sich verbuchen konnte, fühlte sich Lüpertz nun auch noch unverstanden. Im Publikum regte sich immer mehr Unmut, einige Zuschauer verließen vorzeitig den Saal. Leider kam die Gesprächsrunde so zu keinem abschließenden Ergebnis. Lüpertz hat sich aus meiner Sicht an diesem Abend demontiert. Seine Aussagen waren inkompetent und entbehrten jeder Grundlage. Kandel hingegen war der Star des Abends. Einerseits bin ich amüsiert, diesen Showdown miterlebt zu haben, doch andererseite auch enttäuscht. Ich hatte mir mehr erhofft, als einen eitlen Künstler, der sich jeglicher Argumentation verschloss, und damit die Gesprächsrunde blockierte.

Schade fand ich auch, dass man das Geschehen von den hinteren Reihen aus nicht wirklich hatte sehen können. Dabei wollte ich doch so gerne einmal den großen Eric Kandel live erleben. Ich hatte schon so viel von ihm gelesen, den Film über sein Leben sogar mehrmals gesehen. Wer mich kennt, weiß, dass man mich so schnell nicht beeindrucken kann, schon gar nicht mit Prominenz. Doch für Eric Kandel empfinde ich große Verehrung und Respekt; vor dem Menschen UND dem Wissenschaftler. Während die restlichen Gäste zu den Ausgängen drängten, blieb ich abwartend im Saal und hoffte, vielleicht noch einen Blick auf Kandel erhaschen zu können. Er, Lüpertz, Koelbl, Scobel und weitere Gäste unterhielten sich noch vor dem Podium. Zunächst verhalten, begann ich aus der Ferne das Geschehen zu fotografieren. Als ich sah, dass sich eine Gruppe Studenten Bücher signieren ließen, wurde ich mutiger und ging auch nach vorne. Und was soll ich sagen; ich stand ihm direkt gegenüber und konnte Fotos aus nächster Nähe machen! Mein Herz klopfte bis zum Halse vor Freude. Vor lauter Aufregung konnte ich die Kamera kaum ruhig halten. So sind leider einige Fotos ziemlich verwackelt, doch einige andere sind richtig gut geworden. Es hat mich tief berührt zu erleben, wie warmherzig, beinahe väterlich, sich Kandel der Studenten annahm. Geduldig signierte er seine Bücher und ließ sich mit ihnen fotografieren. Man konnte deutlich sehen und spüren, dass da ein ganz und gar uneitler Mensch großes Interesse und Freude am wissenschaftlichen Nachwuchs hat. Einzig, dass mir der Mut fehlte, ihn anzusprechen, ärgert mich im Nachhinein etwas. Doch ich hoffe, es war nicht die letzte Begegnung mit dem Nobelpreisträger Eric Kandel. Erlebt habe ich einen großen Geist in einer schönen Seele.

So ging für mich ein aufregender und schöner Abend zu Ende. Glücklich und erfüllt machte ich mich durch die angenehm kühle Luft auf den Weg zurück zum Hotel. Meine Kamera hielt ich dabei, als sei sie ein kostbarer Schatz. Man kann sich vorstellen, dass ich es kaum erwarten konnte, die Fotos auf meinem Laptop anzusehen. Schön, welche Türen mir letztendlich die Kunst immer wieder öffnet …

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte, hier gibt es die Duskusionsrunde zu sehen: Der kreative Mensch

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